In meiner Beratung kommt fast immer eine Frage: "Wie wirkt CBD eigentlich?" Und ehrlich gesagt ist das eine der schwierigsten Fragen, weil die Wahrheit nicht in einen Werbe-Satz passt.
Viele Menschen erwarten eine Antwort wie bei einer Schlaftablette oder einem Schmerzmittel: du nimmst es, es wirkt, fertig. Aber so funktioniert CBD nicht. Und ich glaube, das ist genau der Grund, warum manche enttäuscht sind und andere begeistert. Beide haben die gleiche Substanz genommen, aber sie wirkt bei jedem anders.
Heute möchte ich dir ehrlich erklären, was CBD im Körper tatsächlich macht. Was die Forschung weiß, wo sie an Grenzen kommt, und warum ich CBD lieber als Werkzeug bezeichne, nicht als Mittel.
Das Wichtigste in Kürze
- CBD ist kein Schalter, sondern eher eine Stellschraube. Es wirkt indirekt und auf vielen Wegen gleichzeitig.
- Es wirkt über unser Endocannabinoid-System, ein körpereigenes Regulationssystem, das in fast jedem Organ Rezeptoren hat.
- Anders als THC bindet CBD nicht stark an die klassischen Cannabinoid-Rezeptoren. Deshalb macht es nicht "high".
- Stattdessen verlangsamt es den Abbau körpereigener Glücksstoffe und beeinflusst mehrere weitere Rezeptor-Systeme, unter anderem für Stimmung und Schmerz.
- Deshalb wirkt CBD individuell, langsam und nicht bei allen Menschen gleich. Geduld ist wichtiger als die Dosis.
Das System, das die meisten nicht kennen
Bevor ich über CBD spreche, möchte ich kurz über das Endocannabinoid-System reden, kurz ECS. Weil ohne das ECS macht CBD keinen Sinn. Und ich finde es auch deshalb spannend, weil dieses System in keiner Anatomiestunde in der Schule vorkommt, obwohl es genauso wichtig ist wie das Nervensystem oder das Hormonsystem.
Das ECS wurde erst in den 1990er-Jahren entdeckt. Forscher haben damals beim Untersuchen von Cannabis bemerkt, dass es im menschlichen Körper Rezeptoren gibt, an die Cannabis-Wirkstoffe andocken. Daraus folgte die logische Frage: Warum hat unser Körper Rezeptoren für eine Pflanze? Die Antwort: weil unser Körper selbst sehr ähnliche Stoffe produziert. Genau diese körpereigenen Stoffe heißen Endocannabinoide.
Das ECS besteht aus drei Hauptteilen:
- Rezeptoren: Vor allem CB1 (vorwiegend im Gehirn und Nervensystem) und CB2 (vorwiegend im Immunsystem). Sie sitzen wie Schlösser an den Zellen und warten auf passende Schlüssel.
- Endocannabinoide: Die körpereigenen Botenstoffe, allen voran Anandamid und 2-AG. Sie sind die Schlüssel, die der Körper bei Bedarf herstellt und auch wieder abbaut.
- Enzyme: Die "Aufräumer", die die Endocannabinoide nach ihrer Arbeit wieder zerlegen, damit das System nicht überreizt.
Die Aufgabe des ECS ist die sogenannte Homöostase, ein anderes Wort für inneres Gleichgewicht. Es reguliert Stimmung, Schmerzempfindung, Schlaf-Wach-Rhythmus, Immunabwehr, Appetit, Stressreaktion und vieles mehr. Wenn etwas im Körper aus dem Lot gerät, versucht das ECS gegenzusteuern. Es ist sozusagen der unbeachtete Hausmeister, der alles ein bisschen ausbalanciert.
Wie CBD anders wirkt als THC
Jetzt wird es interessant. Die meisten Menschen kennen Cannabis vor allem wegen THC, dem Stoff, der "high" macht. THC dockt direkt und stark am CB1-Rezeptor im Gehirn an. Daher die berauschende Wirkung.
CBD funktioniert ganz anders. Es bindet nur sehr schwach an CB1 und CB2. Genau deshalb macht es nicht "high" und ist auch in Österreich und Deutschland legal. Stattdessen wirkt CBD indirekt und auf mehreren Wegen gleichzeitig [2].
Drei dieser Wege sind besonders wichtig:
1. CBD verlangsamt den Abbau körpereigener Glücksstoffe. Es hemmt das Enzym FAAH, das normalerweise Anandamid zerlegt. Das heißt: dein eigenes Anandamid bleibt länger im System aktiv. Vereinfacht gesagt: CBD lässt deine körpereigenen Botenstoffe länger wirken, statt selbst die Rolle des Senders zu übernehmen [2].
2. CBD aktiviert den Serotonin-Rezeptor 5-HT1A. Das ist einer der Rezeptoren, der auch von vielen Antidepressiva angesprochen wird. Daher kommen die beruhigenden und stimmungsstabilisierenden Effekte, die in vielen Studien beschrieben werden [3].
3. CBD wirkt auf den TRPV1-Rezeptor. Das ist der gleiche Rezeptor, der auch durch scharfes Capsaicin in der Chili aktiviert wird. Über diesen Weg trägt CBD zur Modulation von Schmerz und Entzündung bei [2].
Dazu kommen weitere Andockstellen, die im Detail noch erforscht werden. Was du wissen solltest: CBD wirkt nicht über einen einzigen Mechanismus. Es ist ein Stoff mit vielen kleinen Effekten an vielen Orten im Körper. Das macht die Wirkung sanft, aber auch schwer vorhersehbar.
CBD ist kein Schalter, den man umlegt. Es ist eher eine Stellschraube, die dem Körper hilft, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Leonie Marisch
Warum CBD bei manchen wirkt und bei anderen nicht
Das ist eine der häufigsten Fragen in der Beratung. Und ehrlich gesagt: ich kann sie nicht für jeden einzelnen Menschen beantworten. Aber ich kann erklären, warum die Antwort nicht einfach ist.
Weil CBD über das ECS wirkt und das ECS bei jedem Menschen ein bisschen anders aufgestellt ist, sind auch die Effekte unterschiedlich. Manche Menschen haben ein sehr reaktives ECS und merken schon bei kleinen Mengen etwas. Andere brauchen mehr und länger. Wieder andere spüren nichts, obwohl im Hintergrund vielleicht trotzdem etwas im System passiert.
Dazu kommt: CBD ist langsam. Es ist kein Wirkstoff, der nach 30 Minuten in voller Stärke da ist und nach drei Stunden wieder verschwindet. Es wirkt eher kumulativ, über Tage und Wochen. In der Beratung sage ich oft: gib dem Körper zwei bis drei Wochen, beobachte dich, und entscheide dann, ob es etwas verändert.
Warum die Wirkung allein nicht reicht
Ich glaube, im CBD-Markt wird zu viel versprochen. Es wird suggeriert, CBD sei eine Art Universalwerkzeug für alles, was im Leben gerade nicht stimmt. Schlafprobleme? CBD. Stress? CBD. Schmerzen? CBD. Und dann ist da plötzlich die Idee, man könne ein Öl kaufen und ein Leben reparieren.
Die Wahrheit ist: CBD greift in Regulationssysteme ein, die ohnehin im Körper arbeiten. Wenn diese Systeme durch chronischen Stress, schlechten Schlaf, zu wenig Bewegung oder fehlendes Tageslicht überlastet sind, dann kann CBD ein bisschen mit-balancieren. Aber es ersetzt nicht die Stellschrauben, die viel größere Effekte haben.
Was bei den meisten Menschen mehr bewirkt als jedes Öl:
- Tageslicht am Morgen, ohne Sonnenbrille, mindestens zehn Minuten. Das stellt den Schlaf-Wach-Rhythmus neu ein.
- Bewegung im Tagesverlauf, idealerweise draußen. Bewegung aktiviert das Endocannabinoid-System ganz von selbst und lässt die körpereigenen Glücksstoffe steigen.
- Eine Abendroutine ohne grelles Bildschirmlicht, damit das Nervensystem weiß: der Tag ist vorbei.
Wenn diese Basis stimmt, kann CBD ein sinnvolles zusätzliches Werkzeug sein. Ohne diese Basis arbeitet CBD oft gegen das gesamte System, das aus der Balance ist. Wir verkomplizieren das oft. Es ist eigentlich einfach.
Wenn dich die einzelnen Themen tiefer interessieren, findest du auf unseren Themenseiten zu Schlaf, Stress und Schmerzen mehr dazu, wie CBD bei den konkreten Anwendungsgebieten einzuordnen ist.
Worauf du achten solltest, wenn du CBD nimmst
Und etwas, was mir wichtig ist: CBD ist keine Diagnose und keine Therapie. Wenn du körperliche oder psychische Beschwerden hast, die schon länger dauern, dann gehört das in ärztliche Hände. Kein Tropfen ersetzt eine ordentliche Untersuchung.
Wenn du CBD ausprobieren möchtest
Bevor ich dir hier eine Standard-Empfehlung gebe, möchte ich ehrlich sein: das hängt zu sehr von dir ab. Was du erreichen möchtest, was du sonst noch in deinem Leben tust, ob du andere Medikamente nimmst, wie sensibel dein Körper auf pflanzliche Stoffe reagiert. Genau deshalb gebe ich im Blog keine konkrete Dosierung an.
Was ich dir stattdessen sage: Wenn du Fragen hast, schreib mir. Bei uns ist die Beratung noch persönlich. Ich lese und antworte selbst, und wir schauen gemeinsam, was bei dir Sinn macht. Manchmal ist meine ehrliche Antwort auch: "Probier zuerst die Routinen, beobachte zwei Wochen, und wenn du dann noch Fragen hast, melde dich nochmal." Oder: "Bei dem, was du schreibst, glaube ich nicht, dass CBD das richtige Werkzeug ist."
Was du heute schon tun kannst
Auch ohne ein einziges Tropfen CBD. Drei kleine Sachen, die deinem Endocannabinoid-System unmittelbar gut tun:
- Geh morgens für mindestens zehn Minuten an die frische Luft, ohne Sonnenbrille. Das aktiviert eine Kaskade in deinem Körper, die Stimmung, Schlaf und Stressregulation beeinflusst.
- Bewege dich heute, auch wenn es nur ein Spaziergang ist. Bewegung lässt deine körpereigenen Endocannabinoide steigen, ganz natürlich.
- Reduziere am Abend grelles Bildschirmlicht. Dunkelheit ist das Signal, das dein System braucht, um runterzufahren.
Probier das aus, ein paar Tage lang. Und wenn du dann merkst, dass du Unterstützung dazu möchtest, dann bin ich gerne für dich da. Persönlich, ehrlich, ohne falsche Versprechen.
Pass auf dich auf.
Deine Leonie
- Kesner, A. J., & Lovinger, D. M. (2020). Cannabinoids, Endocannabinoids and Sleep. Frontiers in Molecular Neuroscience, 13, 125. doi.org/10.3389/fnmol.2020.00125
- Pisanti, S., Malfitano, A. M., Ciaglia, E., Lamberti, A., Ranieri, R., Cuomo, G., Abate, M., Faggiana, G., Proto, M. C., Fiore, D., Laezza, C., & Bifulco, M. (2017). Cannabidiol: State of the art and new challenges for therapeutic applications. Pharmacology & Therapeutics, 175, 133-150. doi.org/10.1016/j.pharmthera.2017.02.041
- García-Gutiérrez, M. S., Navarrete, F., Gasparyan, A., Austrich-Olivares, A., Sala, F., & Manzanares, J. (2020). Cannabidiol: A Potential New Alternative for the Treatment of Anxiety, Depression, and Psychotic Disorders. Biomolecules, 10(11), 1575. doi.org/10.3390/biom10111575